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Agent 355
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Unter dem englischsprachigen Namen Agent 355 wird in der US-amerikanischen PopulĂ€rwissenschaft ausgehend vom Amateurhistoriker Morton Pennypacker (1872â1956) ein nicht nĂ€her zu identifizierendes weibliches Mitglied des Culper Rings kolportiert, einer Spionageorganisation im Raum von New York City im Dienste der Kontinentalarmee wĂ€hrend des Amerikanischen UnabhĂ€ngigkeitskrieges. EntsprĂ€che Pennypackers These der Wirklichkeit, wĂ€re diese Person eine der ersten Spioninnen im Dienste der Vereinigten Staaten gewesen. Obwohl die HistorizitĂ€t von Agent 355 und prinzipiell die tragende Rolle einer Frau im Culper Ring in den Geschichtswissenschaften unter Verweis auf fehlende geschichtliche Quellen abgelehnt wird, griff die Popkultur den Mythos um die Geheimdienstagentin in verschiedener Weise auf.
Contents
âą Literatur
âą Anmerkungen
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Historischer Hintergrund und Quellenlage
1776 musste sich die Kontinentalarmee unter George Washington wĂ€hrend des Amerikanischen UnabhĂ€ngigkeitskrieges aus New York City vor den britischen Truppen zurĂŒckziehen, die anschlieĂend die Stadt besetzten. New York City diente den Briten in den nĂ€chsten Jahren als zentrale Operationsbasis fĂŒr weitere FeldzĂŒge gegen die aufstĂ€ndischen Siedler der Dreizehn Kolonien.cite-ref-phelps-1-0[1] Da die US-amerikanische Niederlage in der sogenannten Schlacht von Long Island unter anderem auf fehlende Geheimdienstinformationen zurĂŒckzufĂŒhren war, entschied sich Oberbefehlshaber Washington, fortan genau solche Mittel zu fördern. Erste Versuche scheiterten,cite-ref-smithsonian-2-0[2] darunter der Aufbau einer Spionageeinheit namens Knowltonâs Rangers,cite-ref-jar-3-0[3] deren heute bekanntestes Mitglied Nathan Hale bei der Auskundschaftung New York Citys von den Briten gefasst und hingerichtet wurde.cite-ref-smithsonian-2-1[2]
Deshalb richteten Washington und sein geheimdienstlicher Offizier Benjamin Tallmadge den sogenannten Culper Ring ein. Basis des Rings war Tallmadges Heimatdorf Setauket an der NordkĂŒste der von den Briten besetzten Landzunge Long Island. Die zentrale Figur war Abraham Woodhull, ein Farmer aus Setauket, der regelmĂ€Ăig nach New York City fuhr, um dort seine Waren zu verkaufen. Die bei diesen Besuchen gewonnenen geheimdienstlich relevanten Informationen verfasste Woodhull in einem Brief, den der WalfĂ€nger Caleb Brewster ĂŒber den Long Island Sound nach Connecticut brachte. Von dort aus wurden Briefe ĂŒber Tallmadge und einige Boten zu Washington gebracht, der sich zu dieser Zeit des Krieges meist in den nördlichen Teilen von New York oder New Jersey aufhielt. SpĂ€ter ĂŒbernahm Robert Townsend die Rolle des Kundschafters in New York, wĂ€hrend Woodhull von Setauket aus koordinierte.cite-ref-smithsonian-2-2[2] Der Name des Spionageringes leitete sich von Decknamen Woodhulls und Townsends ab: Samuel Culper Sr. und Samuel Culper Jr. Neben Woodhull, Townsend und Brewster gehörten nur wenige weitere Personen zum Spionagering, darunter zwei Boten, die Townsends Botschaften zu Woodhull nach Setauket brachten.cite-ref-phelps-1-1[1] Keines dieser (bekannten) Kernmitglieder war weiblich, wenngleich es wahrscheinlich ist, dass einige Frauen aus dem Umfeld der Kernmitglieder zumindest als helfende Hand die AktivitĂ€ten des Spionagerings unterstĂŒtzten.cite-ref-smithsonian-2-3[2]
Um die Gefahr einer Entdeckung zu verringern, nutzten Woodhull und Townsend spezielle VerschlĂŒsselungsverfahren. Die Briefe enthielten augenscheinlich nur Informationen ĂŒber alltĂ€gliche Dinge; tatsĂ€chlich schrieben Woodhull und Townsend aber mit Geheimtinte die geheimdienstlichen Informationen zwischen die Zeilen des Briefes. Zudem nutzten sie fĂŒr bestimmte SchlĂŒsselwörter ein VerschlĂŒsselungsverfahren bestehend aus einem Code mit drei Zahlen, der diese Wörter ersetzte.cite-ref-phelps-1-2[1] Neben geheimdienstlich wichtigen Begriffen gab es auch Codezahlen fĂŒr bestimmte Spione des Culper Rings, deren Kennzahlen alle im 700er-Bereich angesiedelt waren.cite-ref-telegraph-4-0[4] Heute sind von den Culper-Ring-Briefen noch 193 Exemplare bekannt und erhalten. Einer dieser Briefe, von Woodhull an Tallmadge bzw. Washington, datiert auf den 15. August 1779, enthĂ€lt folgenden Satz:cite-ref-smithsonian-2-4[2]
âI intend to visit 727 before long and think by the assistance of a 355 of my acquaintance, shall be able to outwit them all.â
âIch beabsichtige, bald 727 zu besuchen, und denke mit der UnterstĂŒtzung einer 355 meiner Bekanntschaft, dass ich fĂ€hig sein werde, sie alle zu ĂŒberlisten.â
â
Abraham Woodhull
: Brief vom 15. August 1779 an Benjamin Tallmadge / George Washington
:
zitiert nach: Bill Bleyer:
The Myth of Agent 355, the Woman Spy Who Supposedly Helped Win the Revolutionary War
,
Smithsonian Magazine
, 21. MĂ€rz 2022 (englisch)
In dem Brief Ă€uĂerte Woodhull seine zunehmenden Bedenken, von den britischen Soldaten in New York City entdeckt zu werden. Aus Sorge vor Spionen kontrollierten die Briten damals wahllos aufgegriffene Besucher der Stadt.cite-ref-telegraph-4-1[4] Im vom Culper Ring genutzten Codierungsystem bedeutete 727 âNew York Cityâ und 355 âladyâ.cite-ref-smithsonian-2-6[2] lady ist im Englischen ĂŒblicherweise die Bezeichnung fĂŒr eine sozial höher stehende Frau; fĂŒr das profanere woman gab es eine gesonderte Codierung (701).cite-ref-telegraph-4-2[4] Der Brief vom 15. August 1779 ist das einzige (bekannte) Schreiben des Culper Rings, aus dem unmissverstĂ€ndlich auf die Beteiligung einer Frau an den SpionagetĂ€tigkeiten geschlossen werden kann.cite-ref-smithsonian-2-7[2] WĂ€hrend es den Briten nie gelang, den Culper Ring auffliegen zu lassen, veröffentlichte die US-amerikanische Seite auch nach Kriegsende keine Informationen zu den Spionen.cite-ref-intel-5-0[5] Viele Kernmitglieder identifizierten sich aber aus eigenen StĂŒcken öffentlich als Mitglied der US-amerikanischen Spionage wĂ€hrend des UnabhĂ€ngigkeitskrieges oder wurden durch frĂŒhe historische Recherchen als solche identifiziert. Bis ins 20. Jahrhundert waren dennoch nicht alle IdentitĂ€ten der Culper-Ring-Mitglieder bekannt: Insbesondere der wirkliche Name von Samuel Culper Jr. war nach wie vor nicht enthĂŒllt worden.cite-ref-jar-3-1[3] Trotz dieser gewissen Aufmerksamkeit waren der Ring, seine Mitglieder und seine TĂ€tigkeit einer breiteren Ăffentlichkeit lange Zeit unbekannt.cite-ref-intel-5-1[5]
PopulÀrwissenschaftliche Rezeption
Der Historiker Morton Pennypacker schrieb in den 1930er Jahren ein populĂ€rwissenschaftlichescite-ref-jar-3-2[3] Buch ĂŒber den Culper Ring (General Washingtonâs spies on Long Island and in New York), in dem er als Erster umfassend die IdentitĂ€ten der wichtigsten Mitglieder und die Verfahrensweisen des Spionagerings darstellte.cite-ref-smithsonian-2-8[2] Insbesondere identifizierte er erfolgreich Robert Townsend als Samuel Culper Jr.cite-ref-jar-3-3[3] Ausgehend von dem von ihm analysierten Brief Woodhulls vom 15. August 1779 sah er als Erster die Existenz einer Spionin innerhalb des Culper Rings als erwiesen an. Bei der Zahlenkombination 355 habe es sich um den Decknamen dieser Spionin gehandelt. Pennypacker ergĂ€nzte ohne genaue Belegangaben, dass 355 die Geliebte von Robert Townsend gewesen und ihre SpionagetĂ€tigkeit aufgedeckt worden sei. Deshalb sei sie auf dem britischen GefĂ€ngnisschiff HMS Jersey inhaftiert worden, wo sie Townsends illegitimen Sohncite-ref-6[6] zur Welt gebracht habe, ehe sie gestorben sei.cite-ref-smithsonian-2-9[2] Da andere Autoren Pennypackers Geschichte aufgriffen, ohne dessen Angaben zu prĂŒfen oder zu hinterfragen,cite-ref-jar-3-4[3] entstand die in den USA populĂ€re ErzĂ€hlung einer Spionin mit dem Decknamen âAgent 355â, die als Kernmitglied des Culper Rings geholfen habe, den Amerikanischen UnabhĂ€ngigkeitskrieg zugunsten der USA zu entscheiden.cite-ref-smithsonian-2-10[2] WĂ€re sie wahr, wĂ€re Agent 355 eine der ersten bekannten Agentinnen in der Geschichte der Vereinigten Staaten und des Westens insgesamt.cite-ref-telegraph-4-3[4]
Oftmals wird Agent 355 die Rolle einer Informantin innerhalb New York Citys zugewiesen, besonders im Hinblick auf Benedict Arnolds PlĂ€ne, zu den Briten ĂŒberzulaufen, die angeblich durch die Informationen von 355 aufgedeckt worden seien.cite-ref-arnold-pl-ne-7-0[7] Eine fĂŒhrende Rolle bei der Weiterverbreitung der 355-Geschichte ĂŒbernahm der Fox-News-Moderator Brian Kilmeade, der 2013 zusammen mit dem Schriftsteller Don Yaeger das populĂ€rwissenschaftliche Buch George Washingtonâs Secret Six: The Spy Ring That Saved The American Revolution veröffentlichte. In dem Buch, das sich zu einem Bestseller entwickelte, behaupteten Kilmeade und Yaeger, der Culper Ring habe aus sechs Mitgliedern bestanden. WĂ€hrend sie einige in der wissenschaftlichen Forschung akzeptierte Mitglieder wie Caleb Brewster in ihrer Darstellung unberĂŒcksichtigt lieĂen, zĂ€hlten sie âAgent 355â zum inneren Kern des Spionagerings. Kilmeade und Yaeger stellen Agent 355 als junge Frau aus einer loyalistischen Familie dar, die insgeheim patriotische Gedanken gehegt und in Kontakt mit Robert Townsend gestanden haben soll. Als Teil des Umfeldes von John AndrĂ© habe sie Zugang zur New Yorker Oberschicht gehabt und ĂŒber den Culper Ring Benedict Arnolds PlĂ€ne, von den USA zu den Briten ĂŒberzulaufen,cite-ref-8[8] an die USA verraten.cite-ref-smithsonian-2-11[2] Die angebliche Zugehörigkeit von Agent 355 zur New Yorker Oberschicht leiteten Kilmeade und Yaeger aus der Verwendung des Codewortes fĂŒr âladyâ und nicht fĂŒr âwomanâ ab.cite-ref-telegraph-4-4[4]
Geschichtswissenschaftliche Beurteilung
In den Geschichtswissenschaften werden diese populĂ€rwissenschaftlichen ErzĂ€hlungen skeptisch gesehen.cite-ref-phelps-1-3[1] Historiker wie Beverly Tyler oder Alexander Rose wiesen darauf hin, dass die bekannten Quellen keine weiteren Informationen zu einer Beteiligung einer Frau am Culper Ring geben als der eine Satz in Woodhulls Brief vom 15. August 1779. Die populĂ€rwissenschaftlichen Darstellungen, die darĂŒber hinausgehen, entbehren somit jeglicher historischer Grundlage. Die von Woodhull erwĂ€hnte lady sei, so Rose, durchaus eine UnterstĂŒtzerin gewesen, aber eben keine Spionin. Auch Tyler weist eine tatsĂ€chliche SpionagetĂ€tigkeit aus Mangel an Belegen zurĂŒck. Die Historikerin Claire Bellerjeau ergĂ€nzte, dass man den genauen Umfang der UnterstĂŒtzung durch die mit 355 beschriebene Frau nicht exakt bestimmen könne.cite-ref-smithsonian-2-12[2] Bellerjeau wies ferner darauf hin, dass die Textstelle ganz allgemein Woodhalls eher laxen Umgang mit sensiblen Informationen zeige: âdie ErwĂ€hnung einer lady, [aber auch] jeder anderen Person, in einem Brief, selbst in verschlĂŒsselter Formâ hĂ€tte im Falle des Falles nicht nur die Sicherheit dieser bestimmten Person, sondern die des ganzen Spionagerings gefĂ€hrden können.cite-ref-bleyer-83-9-0[9]
Mark Anthony Phelps charakterisierte im Hinblick auf den inhaltlichen Zusammenhang der 355-ErwĂ€hnung die UnterstĂŒtzungsleistung der Frau so, dass 355 Woodhull geholfen habe, seine SpionagetĂ€tigkeiten in New York City fortzusetzen, indem sie seine Ehefrau spielte. Verheiratete Paare galten bei den Briten als weniger verdĂ€chtig, wenn es um Kontrollen gegenĂŒber möglichen Spionen ging.cite-ref-phelps-1-4[1] Eine Ă€hnliche EinschĂ€tzung Ă€uĂerte Alexander Rose in einem Interview mit Jake Kerridge vom Daily Telegraph. Kerridge verwies zudem darauf, dass Woodhull von âa 355â und nicht von âthe 355â schreibe. Die Verwendung eines unbestimmten Artikels im Original deute auf eine wesentlich geringere Bedeutung der gemeinten Frau hin als in den populĂ€rwissenschaftlichen Darstellungen angenommen und widerspreche ganz besonders den Theorien, dass 355 ein Deckname gewesen sei. Solche Decknamen waren im Culper Ring zudem â wie oben beschrieben â mit Kodierungen im 700er-Bereich ĂŒblich.cite-ref-telegraph-4-5[4] Allgemein wird in den Geschichtswissenschaften nicht bezweifelt, dass sich hinter den drei Zahlen 355 lediglich das Codewort fĂŒr lady versteckt.cite-ref-phelps-1-5[1] Bill Bleyer wies im Smithsonian Magazinecite-ref-10[10] darauf hin, dass sowohl Pennypacker als auch Kilmeade und Yaeger Agent 355 im Umfeld von Robert Townsend ansiedelten, obwohl der Brief mit der 355-ErwĂ€hnung von Woodhull stammte. Doch selbst wenn es wirklich eine Spionin innerhalb des Culper Rings gegeben hĂ€tte, wĂ€re die Bezeichnung Agent 355 (âAgentinâ) laut Bleyer ahistorisch, denn damals sei der Terminus spy (âSpioninâ) ĂŒblich gewesen.cite-ref-smithsonian-2-13[2]
Wie auch der ehemalige Geheimdienstler Kenneth Daiglercite-ref-smithsonian-2-14[2] resĂŒmierte Alexander Rose, dass Pennypackers ErzĂ€hlung der die Spionage romantisierenden Literatur des spĂ€ten 19. Jahrhunderts entspringe. Jake Kerridge ergĂ€nzte im Daily Telegraph, dass die pseudowissenschaftlichen ErzĂ€hlungen um Agent 355 dazu fĂŒhren wĂŒrden, dass die tatsĂ€chlichen Leistungen der Helferinnen des Culper Rings weniger prĂ€sent seien.cite-ref-telegraph-4-6[4] Mark Anthony Phelps Ă€uĂerte sich Ă€hnlich; wenn Woodhulls a 355 tatsĂ€chlich Anna Strong gewesen sei, wĂ€re ihr Engagement Ă€hnlich bewundernswert wie das von âPennypackers fiktiver femme fataleâ.cite-ref-phelps-1-6[1] Auch Bleyer wies die populĂ€rwissenschaftlichen Theorien ĂŒber Agent 355 zurĂŒck. Pennypackers Buch âtransformierte einige anekdotische Informationen und Legenden zu Faktenâ;cite-ref-jar-3-5[3] âdie Legende der Spionin reprĂ€sentiert eine belehrende Geschichte, wie Spekulation und Mythos die amerikanische Geschichtsschreibung durchdringen und fast unmöglich auslöschbar werden können.âcite-ref-smithsonian-2-15[2]
Identifikationsversuche
Wenngleich eine definitive Identifikation unmöglich erscheint,cite-ref-smithsonian-2-16[2] gibt es sowohl in populĂ€rwissenschaftlichen als auch in geschichtswissenschaftlichen Darstellungen Versuche, Agent 355 beziehungsweise die Frau hinter Woodhulls ErwĂ€hnung zu identifizieren. Kilmeade und Yeager spekulierten 2013 ĂŒber ganze sieben mögliche Kandidatinnen fĂŒr ihre Agent 355, darunter Robert Townsends Schwester Sally, Benedict Arnolds Ehefrau Peggy Shippen Arnold und Elizabeth Burgin, die dadurch bekannt wurde, dass sie Dutzenden Gefangenen auf der HMS Jersey zur Flucht verhalf.cite-ref-telegraph-4-7[4] Unter Historikern, darunter Alexander Rose und Beverly Tyler, besonders weit vertreten ist die Theorie, dass Anna Strong die angesprochene lady war. Strong lebte als Nachbarin von Woodhull in Setauket und gilt als eine der Helferinnen des Culper Rings, zumal ihr Ehemann Selah Strong fĂŒr seine patriotischen Positionen bekannt war. Ăber Strong wird die Legende erzĂ€hlt, ĂŒber die Anordnung der WĂ€sche auf ihrer WĂ€scheleine habe sie Informationen zwischen Woodhull und Brewster weitergegeben. Die Identifikation von 355 mit Strong ist mit der Theorie verbunden, dass âa 355â Woodhull als Pseudo-Ehefrau nach New York City begleitete, um die Wahrscheinlichkeit einer Kontrolle bzw. einer Entdeckung zu verringern.cite-ref-smithsonian-2-17[2]
Mark Anthony Phelps fĂŒgte in seinem Beitrag ĂŒber 355 in der Encyclopedia of American Women at War hinzu, es gĂ€be auch die Legende, Strongs Ehemann sei wĂ€hrend des Krieges auf der HMS Jersey inhaftiert gewesen und Strong hĂ€tte ihn regelmĂ€Ăig besucht. Das könnte die Verbindung von 355 mit der HMS Jersey erklĂ€ren. Zudem stehe ihr Ehemann auf Washingtons Liste von Culper-Ring-Mitgliedern; ausgehend davon, dass er eigentlich inhaftiert gewesen sei,cite-ref-11[11] könnte dies bedeuten, dass Strong die Rolle ihres Ehemannes ĂŒbernahm.cite-ref-phelps-1-7[1] Eine andere Position vertritt die Historikerin Claire Bellerjeau, die 2021 in ihrem Buch Espionage and Enslavement in the Revolution: The True Story of Robert Townsend and Elizabeth die These aufstellte, dass zumindest Robert Townsend in New York City Hilfe von einer Sklavin namens Elizabeth oder Liss erhielt. Sie hĂ€lt es fĂŒr möglich, dass diese Sklavin auch Woodhull half bzw. dass diese Sklavin mit 355 gemeint war. Die Strong-These weist sie mit Verweis auf fehlende Belege fĂŒr eine Beteiligung Strongs am Culper Ring zurĂŒck; auch fĂŒr die existierenden Mythen ĂŒber Strong lieĂen sich keine Belege finden. Zudem geht sie davon, dass Woodhull mit 355 eine Informantin innerhalb von New York City meinte; Strong als Einwohnerin von Setauket wĂ€re somit eine unwahrscheinliche 355.cite-ref-smithsonian-2-18[2] Kilmeade und Yaeger wiesen Strong als Kandidatin zurĂŒck, da diese als Einwohnerin des lĂ€ndlichen Setauket nicht zu ihrer These von einer Agentin aus der New Yorker Oberschicht passte.cite-ref-telegraph-4-8[4]
Popkulturelle EinflĂŒsse
Popkulturell wurde der populĂ€rwissenschaftliche Mythos um Agent 355 unter anderem in BĂŒchern, Comics und Filmen aufgegriffen.cite-ref-phelps-1-8[1] 2002 wurde Agent 355 ohne ein Hinterfragen ihrer HistorizitĂ€t in die Ausstellung Clandestine Women, the Untold Stories of Women in Espionage des National Women's History Museum aufgenommen.cite-ref-ausstellung-12-0[12] Eine prominente Rolle ĂŒbernimmt Agent 355 in einer fiktionalisierten Form in der Comicserie Y: The Last Man und der darauf aufbauenden Fernsehserie als afroamerikanische Agentin und Bodyguard im Dienste der Regierung.cite-ref-comic-13-0[13] Der US-amerikanische Spionagefilm The 355 (2022) von Simon Kinberg greift den Mythos ebenfalls auf; der Film handelt von einer Gruppe von Geheimdienstagentinnen, die sich in der Tradition von Agent 355 als wirkungsmĂ€chtige Agentin der Amerikanischen Revolution sehen. Die Hauptfigur des Films, Mason Browne (gespielt von Jessica Chastain), deutet an, die IdentitĂ€t von Agent 355 sei damals angeblich bewusst unterdrĂŒckt worden, weil es sich um eine Frau gehandelt habe.cite-ref-telegraph-4-9[4]
Die durch Alexander Roses Buch Washingtonâs Spies: The Story of Americaâs First Spy Ring inspirierte, US-amerikanische Serie Turn: Washingtonâs Spies umfasst genauso eine ausdrĂŒckliche Darstellung einer Agent 355. Gespielt von Idara Victor, ist hier die Figur desgleichen eine völlig fiktionale Gestalt, die sich zudem von der ebenfalls portrĂ€tierten Anna Strong (Heather Lind) unterscheidet. Ironischerweise behauptet Alexander Rose selbst â wie oben dargestellt â, zum einen, dass es Agent 355 in dieser Form nie gab, und zum anderen, dass hinter Woodhulls a 355 Anna Strong stecke. Zum Unterhaltungswert des populĂ€rwissenschaftlichen Mythos Ă€uĂerte sich Rose in einem GesprĂ€ch mit dem Daily Telegraph: âDie Idee, dass es da wĂ€hrend der Revolution eine Superagentin gegeben hat, ist sicherlich attraktiv und spaĂig, und das augenscheinliche Mysterium um ihre geheimnisvolle IdentitĂ€t macht daraus eine verdammt gute Geschichte. [âŠ] Es ist ein bisschen ernĂŒchternd, sagen zu mĂŒssen, âEntschuldigung, das ist nie so passiertâ.âcite-ref-telegraph-4-10[4] Claire Bellerjeau Ă€uĂerte sich Ă€hnlich: âIch denke, die Leute wollen gute Geschichten ĂŒber Frauen, deshalb kann ich verstehen, dass Leute aus dieser einen Bemerkung eine gröĂere Geschichte gewebt haben.âcite-ref-bleyer-83-9-1[9]
Literatur
âą Bill Bleyer: The Myth of Agent 355, the Woman Spy Who Supposedly Helped Win the Revolutionary War. In: smithsonianmag.com. Smithsonian Magazine, 21. MĂ€rz 2022; abgerufen am 7. MĂ€rz 2023 (englisch).
âą George Washingtonâs Long Island Spy Ring: A History and Tour Guide. The History Press, Charleston 2021, ISBN 978-1-4671-4347-9, S. 82â84.
âą Jake Kerridge: The mystery of Agent 355, Americaâs first female spy. In: telegraph.co.uk. The Daily Telegraph, 11. Januar 2022; abgerufen am 7. MĂ€rz 2023 (englisch).
âą Mark Anthony Phelps: 355. In: Lisa Tendrich Frank (Hrsg.): An Encyclopedia of American Women at War. From the Home Front to the Battle Fields. Band 1. ABC-CLIO, Santa Barbara 2013, ISBN 978-1-59884-443-6, S. 528â530.
Anmerkungen
cite-note-phelps-11. â Mark Anthony Phelps: 355. In: Lisa Tendrich Frank (Hrsg.): An Encyclopedia of American Women at War. From the Home Front to the Battle Fields. Band 1. ABC-CLIO, Santa Barbara 2013, ISBN 978-1-59884-443-6, S. 528â530.
cite-note-smithsonian-22. â Bill Bleyer: The Myth of Agent 355, the Woman Spy Who Supposedly Helped Win the Revolutionary War. In: smithsonianmag.com. Smithsonian Magazine, 21. MĂ€rz 2022, abgerufen am 7. MĂ€rz 2023 (englisch).
cite-note-jar-33. â Bill Bleyer: George Washingtonâs Culper Spy Ring: Separating Fact from Fiction. In: allthingsliberty.com. Journal of the American Revolution, 3. Juni 2021, abgerufen am 7. MĂ€rz 2023 (englisch).
cite-note-telegraph-44. â Jake Kerridge: The mystery of Agent 355, Americaâs first female spy. In: telegraph.co.uk. The Daily Telegraph, 11. Januar 2022, abgerufen am 7. MĂ€rz 2023 (englisch).
cite-note-intel-55. â Revolutionary War: The Culper Spy Ring. In: intel.gov. Office of the Director of National Intelligence, abgerufen am 7. MĂ€rz 2023 (englisch).
cite-note-66. â Der illegitime Sohn Robert Townsend Jr. ist historisch verifizierbar, allerdings gibt es abweichende Angaben zu seinen Eltern. Als Vater wird neben Robert Townsend teilweise auch sein Bruder genannt; Robert Townsend habe das Kind nur groĂgezogen. Die Mutter gilt allgemein als unbekannt. Nicht belegen lassen sich jegliche Verbindungen des Kindes zur Arbeit Townsends im Culper Ring, zumal das Kind erst 1784 und damit nach Kriegsende und dem Abzug der britischen Truppen aus New York City zur Welt kam. Siehe: Alexander Rose, zitiert nach: Jake Kerridge: The mystery of Agent 355, Americaâs first female spy. In: telegraph.co.k. The Daily Telegraph, 11. Januar 2022, abgerufen am 7. MĂ€rz 2023 (englisch). Harry Macy gab ferner 1995 an, die Mutter des Kindes als Mary Banvard identifiziert zu haben, eine Hausangestellte der BrĂŒder Townsend in New York City. Auch Banvard lĂ€sst sich nicht mit den AktivitĂ€ten des Culper Rings in Verbindung bringen. Vgl.: George DeWan: The Mystery of Agent 355: Unraveling the case of the Patriot spy who never was. In: newsday.com. Newsday, 26. Januar 1998, abgerufen am 7. MĂ€rz 2023 (englisch).
cite-note-arnold-pl-ne-77. â Ob diese Behauptungen bereits auf Pennypacker zurĂŒckzufĂŒhren sind â und wenn nicht auf ihn, auf wen dann â, lĂ€sst sich nicht verifizieren. SpĂ€testens 2002 lĂ€sst sich ĂŒber einen Artikel der Los Angeles Times nachweisen, dass die angeblichen Verbindungen zwischen âAgent 355â, einer Rolle als Informantin in New York City und dem Arnold-Komplott so etwas wie Allgemeinwissen geworden sind. Siehe: Tabassum Zakaria: Exhibit Lifts Cover Off Female Spies. In: latimes.com. Los Angeles Times, 31. MĂ€rz 2002, abgerufen am 10. MĂ€rz 2023 (englisch). 2009 versuchten John A. Burke und Andrea Meyer in einem Beitrag fĂŒr das Journal New York Archives die Behauptungen auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen, spekulierten aber letztlich nur anhand von Vermutungen, dass diese Behauptungen der Wirklichkeit entsprĂ€chen. Ihr Hauptargumentationsstrang grĂŒndete sich auf eine Auswertung der ĂŒber die Culper-Ring-Briefe an Washington ĂŒbermittelten Geheimdienstinformationen, besonders mit jenen zu AktivitĂ€ten der British Army. Sie behaupteten, dass der Zeitraum, in dem der GroĂteil der geheimdienstlichen Informationen zur British Army in den Culper-Ring-Briefen zu finden sei, kurz nach Woodhulls 355-ErwĂ€hnung beginne und zudem von John AndrĂ©s Anwesenheit in New York City abhĂ€nge. Daraus schlieĂen sie â in der Annahme, dass Woodhull tatsĂ€chlich eine Spionin innerhalb New York Citys meinte â, dass Agent 355 eine Spionin im Umfeld John AndrĂ©s gewesen sei. Da AndrĂ© auch Arnolds Kontakt war, fĂŒhren die beiden den Verrat von Arnolds PlĂ€nen ebenso auf 355 zurĂŒck. Siehe: John A. Burke, Andrea Meyer: Spies of the Revolution. In: New York Archives. Band 9, Nr. 2, 2009, ISSN 1535-7813, S. 9â13 (nysarchivestrust.org [PDF]).
cite-note-88. â Die Kontakte zwischen Arnold und John AndrĂ© sind historisch nachweisbar. TatsĂ€chlich gelang es Arnold, einem Generalmajor der Kontinentalarmee, zu den Briten ĂŒberzulaufen. Seine PlĂ€ne, gleichzeitig auch den von ihm kommandierten StĂŒtzpunkt West Point nördlich von New York City an die Briten zu ĂŒbergeben, lieĂen sich aber nicht in die Tat umsetzen. John AndrĂ©, sein Kontaktmann auf britischer Seite, wurde bei einem Versuch, Arnold zu treffen, von US-amerikanischen Milizen aufgegriffen und als britischer Spion hingerichtet; Arnold lieĂ daher seine ursprĂŒnglichen PlĂ€ne fallen und lief allein zu den Briten ĂŒber.
cite-note-bleyer-83-99. â Bill Bleyer: George Washingtonâs Long Island Spy Ring: A History and Tour Guide. The History Press, Charleston 2021, ISBN 978-1-4671-4347-9, S. 82â84, hier S. 83.
cite-note-1010. â Bleyers Artikel im Smithsonian Magazine ist eine mit Kontextinformationen erweiterte Version des Kapitels âThe Lady or Agent 355â aus seinem Buch George Washingtonâs Long Island Spy Ring: A History and Tour Guide. The History Press, Charleston 2021, ISBN 978-1-4671-4347-9, S. 82â84.
cite-note-1111. â Phelps setzt hier voraus, dass die Legende ĂŒber Selah Strongs Inhaftierung auf der HMS Jersey der RealitĂ€t entspricht. Davon abgesehen lĂ€sst sich auch die Information finden, dass Selah Strong entlassen worden, anschlieĂend aber unmittelbar nach Connecticut geflohen sei. Recherchen von Mark Sternberg 2022 im Journal New York Archives widerlegten allerdings sowohl das eine als auch das andere. Sternberg wies vielmehr nach, dass Selah Strong wohl nicht nur im betreffenden Zeitraum in Setauket anwesend war, sondern wahrscheinlich selbst ein Teil des Culper Rings war oder diesen zumindest maĂgeblich unterstĂŒtzte. Siehe: Mark Sternberg: Selah Strong. Records Reveal an Overlooked Hero of the Culper Spy Ring. In: New York Archives. Band 22, Nr. 2, 2022, ISSN 1535-7813, S. 11â16 (nysarchivestrust.org [PDF]).
cite-note-ausstellung-1212. â Tabassum Zakaria: Exhibit Lifts Cover Off Female Spies. In: latimes.com. Los Angeles Times, 31. MĂ€rz 2002, abgerufen am 10. MĂ€rz 2023 (englisch). 'Clandestine Women' Fails In Its Mission to Inform. In: washingtonpost.com. The Washington Post, 5. April 2002, abgerufen am 10. MĂ€rz 2023 (englisch).